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Prima la musica, poi le parole?
Gehen – stehen – singen? Die Szene löst die Musik aus.

Was bedeutet es, Sänger zu sein, auf dem Podium oder auf der Bühne zu stehen. Gedanken des Sängers und Sängerdarsteller Stefan Adam über seinen Beruf, sein Berufsethos.

Drei „Parolen“, denen ich in meinem Sängerleben immer wieder begegnet bin und begegnen werde, vornehmlich im Umgang mit Gesangsdozenten der alten Schule, aber natürlich auch auf der Opernbühne in der Arbeit mit Regisseuren und Kolleginnen und Kollegen. Am Beginn meiner Laufbahn habe ich mich immer gefragt, was das soll, welcher Sinn dahinter liegt. Jetzt, nach fast 20 Jahren Berufserfahrung, verstehe ich den Ansatz derer, die diese Worte geprägt haben, kann mich aber nicht gänzlich damit abfinden, danach richten.

Prima la musica, poi le parole – zuerst die Musik (der gesungene Ton), dann der Text. Natürlich, wir sind Sänger und unser Publikum kommt in erster Linie, um uns, allein, in Ensembles, immer gemeinsam mit dem Orchester, zu hören, den Klang unser aller Stimmen.
Aber dürfen wir darum den Text, der ja nun unverbrüchlich mit der Musik, den Inhalten, die wir transportieren wollen, außer Acht lassen? Natürlich nicht und ich denke, dass das in letzter Konsequenz nie so gemeint war. Zumindest hoffe ich das.
Auf jeden Fall zeigt uns dieser Satz, leicht provokativ, den ständigen Konflikt zwischen dem Sänger und dem Regisseur auf. Jeder will zu seinem Recht kommen, der Regisseur in der szenischen Ausdeutung, der Sänger in der sängerischen.

Gehen – stehen – singen. Eine Regieanweisung?
Nein, die Philosophie ganzer Generationen von Sängerinnen und Sängern, z. T. bis in die Gegenwart hinein, die auf dem Standpunkt standen und stehen, dass jede noch so kleinste Bewegung, sei es eine Geste oder ein Schritt, den Körper, das innere Gerüst der Luftsäule, ins Wanken bringt, erschüttert, und die Stimme nicht so klingen und strömen lässt, wie es gewünscht wird. Und es hat in der Tat Sänger gegeben, die sich nur in Passagen, in denen sie nicht singen müssen, bewegt haben. Gut, wenn ich ehrlich bin, muss ich natürlich zugeben, dass das ein sehr bequemer Weg ist. Aber kann das der Sinn und Zweck unseres Tuns sein, es bequem zu haben?
„Die Szene löst die Musik aus!“ – ein von Walter Felsenstein, einem unserer großen Theaterleute, der untrennbar mit der Komischen Oper in Berlin verbunden ist, geprägter Satz, der auch mit Bestandteil unserer Arbeit sein soll. Aber auch nicht ausschließlich.

Um erst gar kein Missverständnis aufkommen zu lassen: ich möchte weder der alten Tradition noch dem so viel und heftig gescholtenen deutschen Regietheater das Wort reden, weiß ich doch auch, dass oben gesagtes ein klein wenig schwarzweiß gemalt ist. Der Zwischenstufen sind gar viele.

In allem liegt, so denke und hoffe ich, der Wunsch, dass, was uns überliefert oder auch das, was uns neu gegeben ist, dem Publikum nahe zu bringen, zu zeigen, wie wir eine Figur, einen Menschen im Kontext einer Geschichte, einer Entwicklung, den wir darstellen, verstehen. Wir wollen seine Emotionen, Körperliches wie Geistiges , deutlich machen, unseren Zuschauern in die Seelen legen, damit etwas auslösen, das Mitleiden, Freude, Trauer, Wut, Ablehnung oder Sympathie oder Heiterkeit sein kann.

Das geht nur, indem ich mich immer wieder neu auf den Weg mache auf der Suche nach Wahrhaftigkeit. Nicht nach (absoluter) Wahrheit, die gibt es meiner Meinung nach nicht, weder im richtigen Leben, noch bei uns auf der Bühne. Schon gar nicht im menschlichen Miteinander.
Aber Wahrhaftigkeit, was für mich heißt, meinem Publikum mein Verständnis des von mir dargestellten Menschen in dem Augenblick in dem ich ihn spiele, zu zeigen. Mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln.
Das sind auf der Bühne Gestik, Mimik, Körperhaltung, Körpersprache, aber auch der charakterisierende Umgang mit der Stimme, ohne der Stimme Schaden zuzufügen.
Im Konzert bin ich da schon beschränkter, kann mich nicht hinter Aktionen oder Bühnenbildern verstecken, habe „nur“ meine Stimme, um zu zeigen, was ich meine. Was sehr spannend und oft heilsam sein kann, wenn es zurück zu den Wurzeln geht.

Was ist mir wichtig, wenn ich auf der Bühne, auf dem Konzertpodium stehe?
Es ist der lebendige Dialog zwischen Szene und Musik, die Gleichberechtigung von Musik und Theater im Musiktheater, der unbedingte Wille zu Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit des Ausdrucks, gleichermaßen in der großen Oper, wie im Oratorium.

Leonhard Bernstein hat das in einmal sehr schön ausgedrückt:
„Unsere Wahrheit, wenn sie von Herzen kommt, und die Schönheit, die wir aus ihr hervorbringen, sind vielleicht die einzigen wirklichen Wegweiser, die übrig geblieben sind, die einzigen klar sichtbaren Leuchttürme, die einzige Quelle der Erneuerung der Vitalität der menschlichen Weltkulturen.
Wo Wirtschaftsleute hadern, können wir heiter sein. Wo Politiker ihre diplomatischen Spiele betreiben, können wir Herz und Hirn bewegen. Wo die Habgierigen raffen, können wir schenken. Unsere Federn, unsere Stimmen, unsere Pinsel, unsere Pas de deux, unsere Worte, unsere Cis' und B's steigen höher empor als die höchste Ölfontäne. Sie können Eigennutz in die Knie zwingen. Sie können uns vor dem moralischen Niedergang bewahren. Vielleicht sind es überhaupt nur die Künstler, die das Mystische mit dem Rationalen versöhnen und darin fortfahren können, die Allgegenwart Gottes der Menschheit vor Augen zu führen.“