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Nach einer Anfrage seines ehemaligen Generalmusikdirektors an den Städtischen Bühnen Münster, Will Humburg, zu dieser Zeit Direttore artistico des Theaters, hatte Stefan Adam einen Vertrag mit dem Theater in Catania unterzeichnet, der ihn für vier Wochen an diese schön, im besten Sinne klassisch zu nennende Theater band.
Das Opernhaus in der Geburtsstadt Vincenzo Bellinis wurde am 31. Mai 1890 mit der Oper Norma eröffnet. Das Haus fasst 1200 Zuschauer und wurde vom Architekten Andrea Scala entworfen und von seinem Mitarbeiter Carlo Sada modifiziert und gebaut. Die Fassade ist durch die Biblioteca Marciana in Venedig von Jacopo Sansovino inspiriert, der Rest des Gebäudes zeigt sich jedoch anders und nimmt die typische Form eines Theaters an.

Mafiosi? Nicht alle!

Uns präsentierte sich das Opernhaus mit einer Besonderheit, beflaggt mit Bannern und Transparenten, auf den in großen Lettern die Absetzung des Intendanten gefordert wurde, der nicht nur die gesamte Belegschaft gegen sich aufgebracht hatte, sondern das Haus, das bis dahin schuldenfrei war, zudem in relativ hohe Schulden getrieben hatte. Am Tag der Premiere unterzeichnete er seinen Rücktritt, was das Orchester nicht davon abhielt, doch noch einmal zu streiken und die Vorstellung 25 Minuten später beginnen zu lassen. Hier noch eine kleine Anekdote am Rande. Das Orchester, laut Inszenierungskonzept auf der Bühne postiert, spielte diese Premiere nicht wie üblich in Anzug oder Frack, nein, man trug T-Shirts mit dem berühmten Bild Marlon Brandos als „Der Pate“. Warum? Nun, der Intendant hatte sich im Eifer einer Debatte zu der Bemerkung verstiegen, die Mitarbeiter seien doch alle Mafiosi. Also zeigten sie es ihm.

Aber, der Reihe nach.
Am Sonntag, dem 1. Februar 2010 begann das Abenteuer mit dem Flug von Hannover via Amsterdam nach Catania. In Catania angekommen wurde direkt das „Hotel Villa Romeo“  bezogen - in einem ehemaligen Palazzo untergebracht. Hier zeigte sich gleich eine Seite Italiens oder auch des Südens, die man mit dem im Volksmund ja durchaus gebräuchlichen, allerdings hier etwas abzuwandelnden Satz: „Außen pfui, innen hui!“ beschreiben kann.

Die Straße, an der das Hotel liegt, die Via Platamone, ganz in der Nähe der Statione Centrale gelegen, macht einen eher weniger „schönen“ Eindruck, wie auch das Hotel von außen. Innen hingegen erwies es durchaus als Glücksgriff, schön restaurierte Räume, eine gute Ausstattung und eine durchaus angenehme Atmosphäre.

Der Anreisetag endete mit einem ersten, verabredeten Treffen mit der Regisseurin der Oper, Gabriele Rech, mit der Stefan schon einige Produktionen zusammen gemacht hatte, und dem zufälligen Aufeinandertreffen mit der Kostümbildnerin, Sandra Meurer, mit der er zum ersten Mal zusammenarbeiten sollte. Wir trafen die beiden Damen vor dem Bühneneingang des Theaters und Sandra Meurer zog Stefan gleich in die Schneiderei, weil noch einige Maße für die Herstellung des Kostüms fehlten.
Nach diesem ersten „Dienst“ in Catania endete der Tag in einer kleinen Trattoria in der Nähe des Theaters, wo auch gleich die regionale Küche getestet werden konnte, die wirklich begeisternd ist, und die uns in der folgenden Zeit öfter in das „U Fucularu“, so der sizilianische Name dieser Trattoria, führen sollte.

Das Teatro Massimo Bellini

Über die Via Teatro Massimo gelangt man auf die Piazza Vincenzo Bellini und hat einen wunderbaren Blick auf die Fassade des Theaters, die, trotz aller „Verfärbung“, immer noch einen prächtigen Eindruck macht, der sich steigert, sobald man das Innere des Hauses betritt.
Der Bühnen- oder Künstlereingang des Theaters befindet sich, völlig unscheinbar, auf der rechten Seite in einer kleinen Seitenstraße. Durch eine Tür gelangt man, nachdem man die Pförtnerloge passiert hat, in einen kleinen Innenhof, von wo aus man die verschiedenen Bereiche des Theaters erreicht.

Unser erster Gang führte uns natürlich erst einmal auf die Bühne und in den Zuschauerraum, um einen Eindruck von diesem Theater zu bekommen. Dieser war, das kann ich nicht anders sagen, überwältigend. Sicher, in Deutschland gibt es auch viele schöne und prächtige Theater, aber hier spürte man „l’ombra dell Bellini“, den Schatten (oder Geist) Bellinis.
was ja doch irgendwie natürlich ist, wenn ein Theater so eng mit einem Komponisten verbunden ist, wie dieses oder das Bayreuther Festspielhaus.
Auf der Bühne war gerade Pause, so konnte ich in Ruhe meinen Beobachtungsposten im Zuschauerraum beziehen, während Stefan sich auf der Bühne mit der Regisseurin, dem Bühnenbildner Giuseppe di Lorio und dem Dirigenten, Maestro Will Humburg unterhielt, um weitere Details zu Inszenierung und einen Arbeitsplan zu bekommen.

A propos Disziplin.

Und da habe ich auch schon mein erstes Stichwort, über das ich mich öfter mit Stefan Adam unterhalten habe: Arbeitsplan, -disziplin, -einstellung.
Hier wird ein durchaus fulminanter Unterschied, Traditions- und  Mentalitätsbedingt, deutlich. Während in Deutschland der Tagesablauf am Theater sehr geregelt ist, werden, bis auf Chor und Orchester, die auch hier eine Sonderstellung genießen, die Probenzeiten sehr nach Belieben, ad libitum, wie der Musiker sagt, festgelegt.
An deutschen Theater gibt es zwei Arbeitsphasen am Tag, eine von 10 - 14 Uhr, die andere von 18 - 22 Uhr, bzw. an Vorstellungstagen auch mal von 17:30 - 23:00 Uhr, in denen man ja nach Bedarf zu tun hat. In Italien, jedenfalls nach den Erfahrungen in Catania, wird der Beginn einer Bühnenprobe nicht vor 11 Uhr festgesetzt, meistens beginnt die Probe dann sogar noch später, weil die Technik nicht fertig geworden ist, oder weil wichtige Dinge fehlen. „Calmo!“ – Ruhig. Oftmals präsentierte sich mir nachstehendes Bild, wenn ich auf die Bühne schaute:

Die Uhren ticken einfach anders: Man steht herum und plaudert angelegentlich über dies und das und schaut mal, was passiert. Dennoch: Die Menschen sind alle sehr nett, hochinteressiert und engagiert – am Ende funktioniert es prima!

An dieser Stelle sei kurz ein Wort über die Besetzung, die beteiligten Künstler gesagt. Vom Theater weiß, wer sich ein wenig damit beschäftigt, dass es sich stets um einen melting pot handelt, einen bunten Mix der Nationalitäten. Und nichts ist spannender als das. Die Sängerinnen und Sänger kamen aus Amerika, Russland, Österreich, Deutschland und natürlich Italien. Wer dementsprechend ein babylonisches Sprachengewirr zu erleben dachte, wurde rasch eines Besseren belehrt. Englisch ist auch in Süditalien Bühnensprache.
Die großen Partien, also die Titelpartie der Elektra, die ihrer Schwester Chrysotemis und der Mutter Klytemnästra waren doppelt besetzt, die Vorstellungen also aufgeteilt, alle anderen Partien waren einfach besetzt, so auch Stefan als Orest, was für ihn, nach eigenem Bekunden optimal ist, weil er so, u. a., die Probenzeit für sich allein hat – beste Voraussetzungen also, sich in Rolle und Inszenierung hineinzufinden.

Rundgang durch das Theater

Wie verschlungen die Wege hinter der Bühne doch sind. Ist der Zuschauerbereich recht klar gegliedert, die Wege für den Zuschauer leicht zu finden, stellt der Bereich hinter der Bühne doch erhebliche Ansprüche an den Orientierungssinn. Stefan erzählte mir, er habe sich oft gefragt, warum Theater hinter der Bühne nicht prinzipiell nach einem gleichen, zumindest ähnlichen Schema gebaut worden seien. Klar, dass das nicht funktionieren kann, weil jedes Theater ein individuelles Bauwerk, ein Dokument eines bestimmten Zeitgeistes, mit Entwurf mit ganz eigenen Charakteristika vor, auf und hinter der Bühne.

Spannung knistert!

Die Tage in Catania vergingen in einem steten Wechsel von Hochkonzentration während der Probenzeiten im Theater und Entspannung während vieler Spaziergänge, obligatorischer Stadtrundfahrt, erfrischender „Spritz“  in schönen Cafés. Dennoch lässt sich eine latente Anspannung nicht leugnen: Ein Profi wie Stefan, welcher wenn auch nur (Zitat) mit „einer kleinen Partie betrauter Sängerdarsteller“, entfernt sich nie zu weit vom Theater und ein steter Blick auf die Uhr, wo gerade man auch stet und geht ist unvermeidlich, will man nicht riskieren, wegen einer nicht gefundenen Bushaltestelle oder in Unkenntnis des Fahrplans zu spät zu einer Probe zu erscheinen. So ist eben das Künstlerleben.

Zunächst sind da die Bühnenorchesterproben zu nennen, in denen zum ersten Mal Szene und Musik richtig aufeinandertreffen, geschaut wird, ob jeder Sänger Blickkontakt zum Dirigenten hat, vor allem aber, wie die akustische Balance zwischen Sänger und Orchester ist. Zu diesem Zweck sitzen immer ein oder zwei Kapellmeister im Zuschauerraum, um dem Dirigenten Rückmeldung zu geben.
Die erste der großen Endproben ist die, in Deutschland so genannte, Klavierhauptprobe, in der zum ersten Mal Szene, originales Bühnenbild, Kostüme, Maske und Licht zusammenkommen, eine eher technische Probe.
Letzte große Endproben vor der Premiere waren in Catania dann die Antegenerale und die Generale, also die Vorgeneralprobe und die Generalprobe, in der dann alles laufen soll, wie in der Vorstellung.

Eine für Stefan neue und auch wieder nicht neue Erfahrung waren die sogenannten Übertitel, also Übersetzungen des Textes zum Mitlesen. Während er von zu Hause gewohnt war, daß Opern in einer fremden Sprache in Deutsch übertitelt werden, war es hier natürlich umgekehrt, eine Oper in seiner Muttersprache wurde Italienisch übertitelt. So las sich sein erster Satz: „Ich muß hier warten.“ so: „Devo aspettare qui.“ Auf meine Frage, wie er das empfunden habe, sagte er nur: „Kurios.“

Und dann war er plötzlich da...

Der Tag der Premiere ist gekommen. Am Morgen dieses Tages, beim Frühstück im Hotel, merkte ich meinem langjährigen, ansonsten immer recht entspannten Freund (...hier auch Wegweiser in eine andere Welt...) an, dass seine Spannungskurve deutlich stieg. Mehr als verständlich, sang er doch zum ersten Mal an diesem Theater, dazu noch eine deutsche Oper, die zudem selbst in Deutschland nicht so häufig zu hören und zu sehen ist.
Und natürlich weiß Stefan, dass die Italiener sehr kritische Hörer sind, Stimme und Art des Singens höchste Bedeutung haben und sie daher ihrem Unmut auch gerne mal beredt Zeugnis verleihen.

Bravi tutti, bravi! – ein grandioser Erfolg!

Um es gleich vorweg zu nehmen, der Abend wurde für das gesamte Ensemble, also für Sängerinnen, Sänger, Orchester, Dirigenten, Regisseurin, Bühnenbildner und Kostümbildnerin zu einem grandiosen Erfolg. Das Publikum zeigte sich höchst begeistert und spendete reichlich Applaus. Der Lohn für eine arbeitsreiche, mit manchen Problemen bestückte Arbeit.

Handys welcome – schöne neue Welt.

Nach der Vorstellung, während der (für mich ungeheuer aufregenden) Premierenfeier, schildert mir Stefan folgende Beobachtung: Er begann seinen Auftritt qua Rolle und Inszenierung hinten im Publikum (siehe Foto). Auf dem Weg zur Bühne sah er in nahezu jeder Reihe leuchtende Handydisplays und Menschen, die  SMS` schrieben oder vermeindlich chatteten – es wurde auch durchaus telefoniert. Dies allerdings dankenswerter Weise mit größter Disziplin. Wer telefonierte, verließ den Saal!

Una bella figura

Ein anderes Charakteristikum Italiens wurde in allen Vorstellungen wunderbar deutlich, nämlich die „bella figura“. Italiener sind sehr darauf bedacht, in der Öffentlichkeit gut auszusehen.
Im Publikum wird dies durch Pelzmäntel seitens der Damen (die werden natürlich nicht an der Garderobe abgegeben, sondern auf dem Schoß gehalten) und perfekt sitzenden Anzügen seitens der Herren der Schöpfung regelrecht dokumentiert. Man feiert hier im Süden Italiens mit großer Freude und Ausgelassenheit und zelebriert besondere Anlässe wie einen Theaterabend. Und das nicht nur in der Premiere.

Die Tage nach der Premiere verliefen sehr entspannt, der Knoten war durchgeschlagen und wir sogen die Frühlingsluft und das südliche Leben in uns ein. Fasziniert waren wir von den Angeboten der Märkte mit ihrer mediterranen Vielfalt, geprägt vom Lärm der Händler und der Frische der feilgebotenen Produkte – gerade bei Fisch und Meeresfrüchten eine Sensation. Während Aufenthalten in kleinen Cafés, sich dem Zauber des pulsierenden Lebens ergebend, genoss Stefan spürbar den Bühnenerfolg als eine Art Belohnung für seine artistische Leistung.

Die Rückreise verlief – von etwas Wehmut begleitet – entspannt und ohne Zwischenfälle. Reich an neuen Erfahrungen und Eindrücken nahm uns der Deutsche Winter wieder in Empfang


Fine della storia.